Eine Nacht unter Sternen

Manche Touren beginnen lange bevor man den ersten Kilometer fährt. Im Kopf, beim Packen, beim Überlegen, was unbedingt mitmuss und was besser zu Hause bleibt.
Meine sollte mich in drei Tagen mit dem Gravelbike von Würzburg bis nach Lautlingen führen. Rund 286 Kilometer lagen vor mir. Asphalt, Schotter, Wälder, Höhenmeter – und, wie sich herausstellen sollte, einige Erlebnisse, mit denen ich beim Start noch nicht gerechnet hatte.
Eigentlich hätte ich gerne früher losgelegt. Doch wie so oft kamen vorher noch einige Dinge dazwischen, die unbedingt erledigt werden mussten. So saß ich erst gegen halb vier am Nachmittag auf meinem Rad.
Der erste Tritt ins Pedal. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Vor mir lag nur noch die Strecke.
Der erste Nachmittag

Die ersten Stunden vergingen erstaunlich schnell. Sobald man auf dem Fahrrad sitzt, verändert sich der Blick auf Entfernungen. Orte, die man normalerweise nur von Autobahnschildern kennt, werden plötzlich zu Etappenpunkten. Straßen werden zu Landschaften, Steigungen zu kleinen Aufgaben und Abfahrten zu Belohnungen.
Am ersten Tag kamen knapp 78 Kilometer zusammen – und rund 930 Höhenmeter.
Kurz vor Ladenschluss erreichte ich Osterburken. Höchste Zeit, noch einmal Vorräte aufzufüllen.
Lebensmittel. Getränke. Etwas für den Abend. Etwas für den nächsten Morgen. Und natürlich durfte auch ein alkoholfreies Bier nicht fehlen.
Danach hätte ich mir eigentlich den nächstbesten Platz für die Nacht suchen können.
Aber ich hatte einen anderen Gedanken.

Wenn ich schon am Abend noch einige Höhenmeter in den Beinen hatte, konnte ich sie genauso gut jetzt fahren. Denn was man am Abend hinauffährt, kann man am nächsten Morgen möglicherweise bergab beginnen.
Also ging es noch einmal nach oben.
Die Beine meldeten sich inzwischen deutlich, aber irgendwann fand ich genau das, wonach ich gesucht hatte: eine versteckte Stelle am Rand eines Waldes.
Abseits. Ruhig.
Und vor allem so gelegen, dass ich dort wahrscheinlich niemanden stören würde – und hoffentlich auch niemand mich.
Meine erste Nacht draußen
Es war tatsächlich das erste Mal, dass ich ganz allein so abseits in der freien Natur übernachtete. Und genau deshalb fühlte es sich auch ein wenig abenteuerlich an.

Ich stellte mein Zelt auf. Die Nacht war für September ungewöhnlich mild. Deshalb entschied ich mich, das Außenzelt gar nicht erst über das Innenzelt zu ziehen. Eine Entscheidung, die sich sofort lohnte.
Über mir spannte sich ein vollkommen klarer Himmel. Keine Wolke. Nur Sterne. Vom Zelt aus konnte ich direkt in den Nachthimmel schauen. Diese Ruhe war schwer zu beschreiben.
Natürlich war es nicht vollkommen geräuschlos. Irgendwo einige Kilometer entfernt verlief die A81. Hin und wieder war ihr dumpfes Rauschen zu hören. Aber es störte überhaupt nicht. Es war eher ein weit entferntes Hintergrundgeräusch.
Ansonsten: Stille.
Eine Art von Stille, die man in einer Stadt kaum noch erlebt. Nach dem anstrengenden Nachmittag schmeckte mein Abendessen hervorragend. Dazu Nachtisch und mein alkoholfreies Bier. Ich lag anschließend im Zelt und schaute noch einmal auf die Route für den kommenden Tag. Irgendwann kurz vor Mitternacht muss ich dabei eingeschlafen sein.
Und dann begann eine ziemlich merkwürdige Nacht.
Die Kinder mit den Wasserpistolen
Ich träumte. Allerdings war dieser Traum ungewöhnlich real.

Ich lag in meinem Zelt. Genau dort, wo ich tatsächlich lag. Aus der Entfernung hörte ich Kinderstimmen. Lärmende Kinder kamen über das Feld. Sie lachten, alberten herum und jagten sich gegenseitig mit Wasserpistolen. Ich war hundemüde und beobachtete die Szene verschlafen durch das Netz meines Zeltes. Dann entdeckte einer der Jungen mein Zelt. Er sagte etwas zu seinem Freund. Sie sollten das Zelt nassspritzen. Aus der Ferne rief eine Mutter nach den Kindern. Doch zwei von ihnen standen inzwischen unmittelbar vor meinem Zelt. Einer hob seine Wasserpistole. Ich sagte durch das Moskitonetz:
„Ich bin hundemüde. Lasst mich gefälligst in Ruhe.“
Einer der beiden schien kurz eingeschüchtert zu sein. Dann kicherten sie wieder. Und tatsächlich spritzte einer auf mein Zelt. Ich bekam sogar etwas Wasser ab. Jetzt reichte es. Ich richtete mich auf, griff nach dem Reißverschluss des Netzes und rief: „Na warte!“
Die beiden Gören rannten lachend über das Feld davon. In diesem Moment öffnete ich die Augen.
Stille. Absolute Stille.
Ich blickte auf die Uhr: 2:23 Uhr.
Keine Kinder. Keine Wasserpistolen. Kein Wasser. Nur ich in meinem Zelt. Ich war so müde, dass ich kaum darüber nachdachte. Wenige Augenblicke später schlief ich wieder.
„Verschwinde von hier!“
Der nächste Traum war deutlich unangenehmer. Wieder lag ich in meinem Zelt. Wieder sah alles genauso aus wie in Wirklichkeit.

Plötzlich riss ein altes Weib das Netz meines Zeltes auf. Sie versuchte, mich herauszuziehen. Ich kann mich bis heute erstaunlich genau an ihr Gesicht erinnern. Braun gegerbte Haut. Tiefe Falten. Ein markantes Kinn. Ein Kopftuch.
Und dieser merkwürdige Geruch.
Sie schrie mich an: „Verschwinde von hier!“
Ich stand im Traum vollkommen unter Schock. Meine Reaktion war allerdings erstaunlich eindeutig. Ich packte sie, nahm sie in den Schwitzkasten und schrie: „Ich habe das gleiche Recht, hier zu sein wie du! Was fällt dir eigentlich ein?“
Dann wachte ich auf.
Etwas stimmt hier nicht
Es war noch dunkel. Vor mir stand eine schmale Mondsichel über dem Horizont. Keine Wolken. Nur Sterne. Der Blick aus meinem Zelt war exakt derselbe wie in meinem Traum. Für einige Sekunden wusste ich tatsächlich nicht, ob ich schon wach war. Die alte Frau war verschwunden.
Kein Geschrei. Keine Bewegung. Nur Stille.
Ich schaute auf die Uhr. Kurz nach fünf. Und dann bemerkte ich etwas. Einen Geruch. Ich zog mehrmals intensiv Luft durch die Nase. Der Geruch war deutlich. Sehr deutlich.
Wildschwein.
Plötzlich war ich hellwach. Ich lag noch halb im Schlaf, halb in dieser seltsamen Welt zwischen Traum und Wirklichkeit und versuchte herauszufinden, ob meine Sinne mir gerade einen Streich spielten. Dann raschelte es. Nicht direkt am Zelt, aber auch nicht besonders weit entfernt.
Jetzt wurde mir doch etwas mulmig.
„Tsch! Tsch!“, mehr fiel mir in diesem Moment nicht ein.
Es knackte. Etwas rannte über den Acker. In Richtung des ungefähr fünfzig Meter entfernten Unterholzes – Stille.
Und dann kam aus der Dunkelheit ein tiefes Grummeln. Ein Geräusch, das ich so noch nie gehört hatte.
Ich verharrte. Oder genauer gesagt: Ich erstarrte.
Für einen Moment war nichts mehr zu hören. Dann griff ich nach meiner Taschenlampe. Ich leuchtete über den Acker. In den Wald. Hinter mich. Neben das Zelt. Nichts.
Mein Gravelbike stand immerhin noch dort, wo ich es am Abend abgestellt hatte.
Instinkte
Eigentlich dachte ich: Das war es jetzt mit Schlafen.
Aber die Müdigkeit war stärker. Ich lag da, schaute in den Sternenhimmel und lauschte. Nichts bewegte sich mehr.
Langsam begann es zu dämmern. Und irgendwann muss ich weg gedämmert sein.
Als ich gegen halb neun aufwachte, fühlte ich mich erstaunlich erholt. Meine Garmin-Uhr zeigte mir reichlich REM-Schlaf an. So viel hatte ich vermutlich noch nie. Offenbar hatte mein Kopf in dieser Nacht einiges verarbeitet.

Beim Frühstück erinnerte ich mich an die beiden Träume. Die Kinder. Die alte Frau. Das aufgerissene Zelt. Diesen merkwürdigen Geruch im Traum. Und wenige Augenblicke nach dem Aufwachen tatsächlich ein Wildschwein ganz in meiner Nähe.
Vielleicht war es Zufall.
Vielleicht hatte mein Gehirn im Schlaf Geräusche und Gerüche wahrgenommen und daraus diese merkwürdigen Geschichten gebaut.
Vielleicht hatte irgendein Teil meines Körpers längst registriert, dass dort draußen etwas war, während mein Bewusstsein noch schlief.
Ich weiß es nicht.
Aber genau das machte dieses Erlebnis für mich so beeindruckend.
Wir Menschen verbringen einen großen Teil unseres Lebens in Häusern, Autos und Büros. Wir bewegen uns durch beleuchtete Straßen, hören ständig technische Geräusche und sind fast immer von irgendeiner Form von Infrastruktur umgeben.
Und dann liegt man eine einzige Nacht unter freiem Himmel. Plötzlich riecht man Dinge intensiver. Man hört jedes Rascheln.
Man nimmt Veränderungen wahr, die man normalerweise vermutlich überhaupt nicht bemerken würde.
Vielleicht stecken diese Instinkte noch viel tiefer in uns, als wir glauben.
An diesem Morgen jedenfalls hatte ich das Gefühl, der Natur ein kleines Stück näher gekommen zu sein.
Und genau deshalb möchte ich dieses Erlebnis teilen.
Nicht, weil jeder nachts neben einem Wildschwein schlafen sollte. Sondern weil es manchmal gut tut, sich daran zu erinnern, dass wir Menschen nicht außerhalb der Natur stehen – Wir sind ein Teil von ihr.

Ich packte mein Zelt zusammen, verstaute Schlafsack und Ausrüstung am Fahrrad und blickte noch einmal über den Platz, an dem ich diese außergewöhnliche Nacht verbracht hatte.
Dann stieg ich auf mein Gravelbike.
Vor mir lag Tag zwei.
Und ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung, dass auch dieser Tag eine Begegnung für mich bereithalten würde, die man nicht planen kann.
Fortsetzung folgt in Teil 2.